Ranomafana und Pangalanes : Reisebericht von Herrn Frank Dittrich (6/9)

Mittwoch, 07.02.2018

Vogelgezwitscher - so laut, das man meint, sie brüllen sich an. Zu laut zum weiterschlafen. Der See ist spiegelglatt, zwei Einbäume mit Fischern dümpeln in der Mitte. Ich besichtige den hoteleigenen botanischen Garten mit zahllosen endemischen Pflanzen. K1 und seine Frau sind auch Frühaufsteher und leisten mir Gesellschaft. Seine Frau Nicole freut sich schon darauf, ihr Heimatdorf südlich von Farafangana in den nächsten Tagen wiederzusehen. Sie war seit über 10 Jahren nicht mehr dort. 

Nach dem Frühstück brechen wir Richtung Manakara auf. 5 Stunden Fahrt zur Ostküste durch den Regenwald hinab. Wir durchqueren den Nationalpark Ranomafana und halten kurz am Parkeingang. Hier im Park hatte ich bei meinem ersten Madagaskar-Besuch die neu entdeckten goldenen Bambuslemuren gesehen. Die Guides freuen sich auf gutes Geschäft mit uns, werden aber enttäuscht. Hier gibt es für K1 und mich nichts Neues mehr zu entdecken.

In zahllosen Serpentinen quält sich die Straße gut 1000 Meter ins fruchtbare Tiefland hinab. Nicole hängt über der Spucktüte. Es regnet immer wieder mal, wir halten an einem tosenden Wasserfall. Überall wachsen Ravenala-Palmen. Sie werden 'Baum der Reisenden' genannt. In ihren Blattansätzen speichern Sie Wasser, das durstige Wanderer anzapfen können. Ich verzichte darauf, mein Magen wird nicht robust genug sein. 

In den letzten drei Fahrstunden stieg die Temperatur um fast 20 Grad. Wir essen zu Mittag im La Vanille, dem Lieblingsrestaurant von K1. K1 schlägt vor, dass K2 und ich am Strand in einer Hotelanlage übernachten. Er und seine Frau bleiben in der Stadt, weil sie noch arbeiten müssen und Internetanschluß brauchen. Es haben sich über 50 Anfragen vom Gästen angestaut, die beantwortet werden müssen.

Das einzige Strandhotel von Manakara liegt auf einem Landstreifen zwischen dem Meer und dem Pangalanes-Kanal. Eine gute halbe Stunde Sandpiste von der Stadt entfernt. Das Restaurant liegt am kilometerlangen menschenleeren Sandstrand, die Wellen sind ziemlich hoch, ein starker Wind kommt aus Richtung Meer. Wir sind wie so oft die einzigen Gäste. Die Bungalows im norwegischen Stil liegen unter Palmen Richtung Kanal. Sie sind spartanisch eingerichtet, der Fußboden von Ameisen bevölkert und nachts gibt es keinen Strom. Zum Glück hängt ein Moskitonetz über dem für mich zu kurzen Bett. Auf dem Grundstück liegen die halb verwitterten Knochen eines riesigen Wals verstreut. Wir bestellen im Restaurant für 19 Uhr Abendessen. Natürlich Fisch. Das gackernde Huhn neben der Küche hat heute noch Schonzeit. Mit einer Arzneispritze Balsamico verziert der Koch die Teller. Das Fischfilet ist ein Genuß. Dazu gibt es Reis und eine Flasche Südafrikanischen Wein.

Donnerstag, 08.02.2018

Es knackt unter meinen Birkenstocksandalen, als ich nachts auf die Toilette gehe. Ein paar dicke Käfer hauchen in der Dunkelheit ihr Leben aus. Ayna holt uns ab, sammelt K1 und seine Frau in der Stadt ein und wir fahren zu einem Dorf, in dem K1 eine Schule einrichten möchte. Ich habe noch eine Tasche mit Kinderkleidung und Zahnbürsten, Stiften und Süßigkeiten, die wir von meiner Schule übrig blieben. Die packen wir ein. Es geht nach Norden immer zwischen Kanal und Meer entlang, eine gute Stunde mit dem Auto. Dann steigen wir auf ein Ruderboot um und paddeln eine weitere Stunde auf dem Kanal weiter. Riesige Aronstabgewächse - hier Elefantenohr genannt - säumen das Ufer. Lila und weiße Seerosen blühen. Alle 20 Minuten wechseln die Ruderer ihre Plätze, um die Muskulatur gleichmäßig zu belasten. Schon aus der Ferne hören wir Kindergeschrei. Wir wurden entdeckt. Ich antworte mit meinem Tarzanschrei. Bis zum Dorf müssen wir durch wadentiefen Schlick stapfen. Barfuß, denn Schuhe würden stecken bleiben. Zum Glück hab ich mich mit reichlich Sonnen- und Insektenspray eingesprüht. Hier gibt es Sandfliegen, die ihre Eier gerne unter Zehennägel legen, was sehr unangenehm werden kann. K2 sieht sich schon den schlimmsten Krankheiten ausgesetzt.

Der Dorfvorsteher empfängt uns mit allen Ehren, verbeugt sich tief und hält uns mit der linken Hand seinen rechten Unterarm zum Handschlag entgegen. Auch die anderen Erwachsenen nähern sich uns in dieser gebückten Haltung. Wir werden ins Haus des Chefs eingeladen. Es ist ordentlich aufgeräumt, denn außer vier geflochtenen niedrigen Hockern und Bastmatten auf dem Boden ist das Haus leer. Leer bis auf die 40 Dorfbewohner, die sich auf den Boden kauern und das Geschehen andächtig verfolgen. 

Vor einem Jahr war K1 das letzte mal hier. Chef berichtet, was seitdem geschehen ist. Im Moment ernährt sich die Bevölkerung ausschließlich von Fisch und Brotfrüchten. Für anderes Gemüse ist der Boden zu sauer. Und der Preis für Reis ist so hoch, dass sie keinen kaufen können. Sie haben im letzten Jahr 1,5 Kilo Pfeffer ernten können. K1 kauft Ihnen die gesamte Ernte ab, 7,50 Euro bekommen sie. 

Stolz wird uns ein alter Pappkarton mit Schulutensilien gezeigt: Kreide, von der Feuchtigkeit etwas in Mitleidenschaft gezogene Hefte und eine Hand voll Stifte. Die Grundausstattung ist also schon mal da. Es fehlen die Schulmöbel und die Tafel. Bretter müssen von Manakara geholt werden, hier sind die letzten dafür geeigneten Bäume längst abgeholzt. K1 gibt dem Dorfvorsteher eine halbe Million Ariary, 125 Euro. Das müsste für die Schulmöbel ausreichen. Dann packe ich meine Reisetasche aus: Die Kleidungsstücke reiche ich einzeln an den Chef, der reicht sie an seine Frau weiter und die verteilt sie an alle Anwesenden. Anschließend gibt es noch eine lange Dankesrede vom Chef und das Versprechen, sich umgehend um die Anstellung eines Lehrers zu kümmern. Die Atmosphäre ist feierlich-würdevoll und wir werden herzlich verabschiedet. Die Rückfahrt mit dem Boot dauert deutlich länger als die Hinfahrt, wir haben starken Gegenwind. Die Ruderer kommen ganz schön ins schwitzen. 

Die Piste fahren wir weiter nach Norden bis zum Ende. Das Sidi-Eden-Resort empfängt uns mit 10 Bungalows und einem großen Restaurant. K1 hatte vorher angerufen und uns angekündigt sowie das Mittagessen bestellt. Die Anlage ist sonst zur Nebensaison geschlossen. Am Eingang der Anlage ein großes Hinweisschild: Schweinefleisch sowie rote Kleidungsstücke sind hier verboten. Solchen und ähnlichen Fadys - Tabus - begegnet man auf Madagaskar häufig. Den Sinn dieser Verbote weiß die Bevölkerung oft selbst nicht mehr. Aber wenn ein Vorfahre solch ein Verbot erlassen hat, wird er schon seinen Grund gehabt haben und das Verbot wird von Generation zu Generation weitergegeben. 
Auf einem Zaunpfosten vor dem Restaurant sitzt ein Katta, ein Ringelschwanzlemur. Er hat es auf die Bananen abgesehen, die wir mitgebracht haben. Mit einem großen Satz springt er mir auf die Schulter und bedient sich. Das bekommt ein Rudel brauner Lemuren mit, das in den Palmen hoch über uns hockt. Bald bin ich der Kletterbaum für die Halbaffen, bis auch die letzte Banane vernichtet ist. Außer den Lemuren leben hier noch sieben Krokodile und ein Dutzend großer Strahlenschildkröten. Und einige Hühner, die uns zum Mittagessen umzingeln. Es gibt Languste und gegrillten Fisch. Dazu ein Kokos-Tomaten-Salat mit Zwiebeln und Gemüse. Ein Traum. Genauso wie die Lage der Hotelanlage: der Kanal mündet hier ins Meer und die Anlage befindet sich auf dieser Landspitze. Und außer uns kein Tourist weit und breit. 

K1 schlägt vor, saß uns seine Frau morgen ihr Dorf zeigen soll. Er ist mit seiner Arbeit nicht fertig geworden und muß noch einen Bürotag einlegen.

Wir holen unser Gepäck aus dem Strandhotel und ziehen ins La Vanilla in die Stadt um. Dann sparen wir uns morgen Zeit, denn der Weg ist lang. Die Hotelbesitzerin Patricia präsentiert uns zwei prächtige Langusten. Ob sie uns die zubereiten soll? Ja, ich bitte darum. Die Krustentiere schmecken sensationell. Dazu Gemüse und Reis. Und eine Flasche Wein.

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